Unter dem Oberbegriff „Artificial Leadership“ wird derzeit in Wissenschaft und Praxis diskutiert, wie Algorithmen, Datenanalysen und Automatisierungstechnologien verwendet werden können, um Führungsentscheidungen zu unterstützen, zu optimieren oder sogar zu ersetzen bzw. zu übernehmen. Prinzipiell lassen sich dabei die in der Abbildung dargestellten drei Entwicklungsstufen unterschieden.

Quelle: Petry, T. (2024): Gesamtbild der digitalen Transformation, in: Petry, T. (Hrsg.): Digital Leadership Mastery: Konzepte, Erfolgsfaktoren und Praxisbeispiele in der VUCA-Welt, Freiburg, S. 120.

In der 1. Entwicklungsstufe werden digitale Technologien genutzt, um Menschen bzw. Teams in virtuellen bzw. hybriden Umfeldern zu führen. Digitale Medien ermöglichen es, dass Führungskräfte auch in virtuellen Umfeldern ihre „normalen“ Führungsaufgaben wie in Präsenz erfüllen können (digital-unterstützte Führungskommunikation). Dieses Thema hat im Zuge der Covid-19-Pandemie in den Jahren 2020-2022 sehr stark an Aufmerksamkeit gewonnen und einen großen Schritt nach vorne gemacht. Digital-unterstützte Führungskommunikation ist heute state-of-the-art.

Im Zuge der Etablierung von ChatGPT und weiteren KI-Modellen seit Ende 2022 entwickeln sich KI-Systeme nun aber immer mehr zum Co-Piloten, die dem Menschen mehr oder weniger (pro)aktiv Empfehlungen geben. Dies gilt auch bei Führungsthemen (2. Entwicklungsstufe, KI-unterstützte Führungskraft).

  • Eine KI kann bspw. auf Basis der Analyse (auch großer Mengen) vorhandener Daten, Hintergrundinformationen, Analysen und Empfehlungen für Führungsentscheidungen liefern,
  • eine KI kann auf Basis von kurzen Pulse Checks Teamanalysen vornehmen,
  • eine KI kann E-Mails von Führungskräften analysieren und Vorschläge für eine bessere, respektvollere Kommunikation liefern,
  • eine KI kann inspirierende Kommunikationsinhalte entwerfen und diese auch noch auf unterschiedliche Zielgruppen anpassen,
  • eine KI kann in einem Meeting Gesichtsausdrücke, Körperhaltungen oder Tonlage der Mitarbeiter auswerten und Hinweise zum passenden Führungsverhalten liefern,
  • und Führungskräfte können sich bspw. auch von einer KI coachen lassen.

Die Unterstützung von Führungskräften durch KI entwickelt sich aktuell zum state-of-the-art. Ein KI-System verfügt über etliche Fähigkeiten, die ein Mensch nicht besitzt, es ist sinnvoll, diese zu nutzen. Der weltweit größte Hedgefonds Bridgewater Associates bspw. hat vor dem Hintergrund eine KI entwickelt (intern auch „Management-GPS“ genannt), die aus den Entscheidungen des Top-Managements, einem 360-Grad-Bewertungssystem und anderen Quellen lernt und daraus Formeln für zukünftige Entscheidungen erstellt. Führungskräfte bekommen über solche Systeme Denkanstöße sowie daten- bzw. evidenzbasierte Empfehlungen, die eine wichtige Ergänzung zu menschlichem Bauchgefühl und Erfahrungen sind und den Entscheidungshorizont ergänzen, anreichern und herausfordern können. Über einen solchen Ansatz kann auch typisch menschlichen Wahrnehmungsverzerrungen entgegengewirkt werden („De-Biasing“).

Und es ist gar auch zu erwarten, dass menschliche Führungskräfte durch die algorithmus-basierte Auswertung von harten Daten auch in weichen Themen besser werden. Denn es konnte in empirischen Studien nachgewiesen werden, dass eine KI durchaus empathischer wahrgenommen werden kann als ein Mensch, der nicht immer die Zeit und Muße hat, sich mit der spezifischen Situation des Gegenübers auseinanderzusetzen. Ayers et al. bspw. kommen in einer Studie zur Erkenntnis, dass eine KI empathischer auf Patientenfragen reagiert als Ärzte. Die KI-generierten Antworten waren sowohl bei der Qualität als auch beim Einfühlungsvermögen der Antworten besser als die von Ärzten.

In der 3. Entwicklungsstufe übernimmt ein KI-System die Führung, d.h. das System leitet Aufgaben an, gestaltet Mitarbeiterbeziehungen und initiiert Veränderungen eigenständig. Die KI wird zur Führungskraft (KI-Führungskraft, manchmal auch Robo-Manager genannt). An dieser Stelle werden gerne die Beispiele einer Tochtergesellschaft des chinesischen Softwareunternehmens NetDragon Websoft oder der kolumbianische Rumhersteller Dictator genannt, die jeweils eineKI (mit den Namen „Tang Yu“ bzw. „Mika“) zum CEO ernannt haben. Hier ist aber sicherlich auch eine Menge Marketing mit dabei. Es erscheint derzeit wenig plausibel, dass KI-Systeme Führungskräfte in größerem Umfang ersetzen oder diese gar komplett obsolet machen, denn dafür werden zu viele verschiedene Anforderungen an eine Führungskraft gestellt. Ein KI-gesteuerter Avatar, der sämtliche Aufgaben einer ehemals menschlichen Führungskraft übernimmt, ist aktuell zumindest noch relativ weit weg. Spätestens wenn keine relevanten Daten zu einer bestimmten bzw. vergleichbaren Entscheidung vorhanden sind, endet die KI-Entscheidungskompetenz.

Aber basierend auf den klaren Vorteilen einer KI gegenüber Menschen (z.B. Verarbeitung großer, zunehmend auch unstrukturierter Datenmengen, 24/7-Betrieb, Multitaskingfähigkeit, Stressresistenz, Interessenfreiheit, Emotionslosigkeit etc.) und bei einer Analyse der verschiedenen Führungsaufgaben, sollte einem auch klar sein bzw. werden, dass etliche Führungsaufgaben, die heute noch von einem Menschen erfüllt werden, zukünftig vollständig – ohne menschliche Prüfung bzw. „Absegnung“ („Human in the loop“) –  automatisiert bzw. von einem KI-System übernommen werden könnten, wenn das entsprechende KI-System entsprechend qualitätsgesichert ist. Bereits existierende Beispiele finden sich z.B. bei Fahrdiensten wie Uber bei denen die Fahrer ihre täglichen Arbeitsanweisungen und Evaluationen ausschließlich von smarten Algorithmen erhalten. Bei Amazon und Hitachi erfassen KI-Systeme nicht nur die Arbeitsabläufe einzelner Mitarbeiter, sondern registrieren in kürzester Zeit auch Auslastung und Produktivität der gesamten Betriebsstätte – und können diese mit variablen, externen Faktoren verrechnen, also zum Beispiel zu Spitzenzeiten selbstständig zusätzliche Kräfte anfordern. Und auch der deutsche Mittelständler Aqua Römer Mineralbrunnen hat eine KI („Mary“) implementiert, die via Funk selbstständig die Logistikmitarbeiter im Lager steuert und ihnen Anweisungen gibt.

All diese Ausführungen zeigen deutlich, dass es gesichert sein dürfte, dass KI zukünftig eine größere Rolle in der Führung spielen wird. Die entscheidende Frage bzw. Aufgabe ist die bestmögliche Ausgestaltung des Zusammenspiels von KI und Mensch. D.h. welche Führungsaufgaben kann welches KI-System übernehmen, welches KI-System kann bei welcher Führungsaufgabe die menschlichen Entscheidungs- und Handlungsverantwortlichen wie unterstützen und wie kann man sichern, dass Führungskräfte kompetent und aufmerksam genug sind, um zu erkennen wann sie sich nicht auf die KI verlassen können? Hier gilt es, mögliche Optionen offen, aber reflektiert zu prüfen und ggf. einmal auszuprobieren.

Weiterführende Literatur:

Petry, T. (Hrsg., 2024): Digital Leadership Mastery: Konzepte, Erfolgsfaktoren und Praxisbeispiele in der VUCA-Welt, Freiburg.

Van Quaquebeke, N./Gerpott, F.H. (2023): The Now, New, an Next of Digital Leadership: How Artificial Intelligence (AI) will take over and change leadership as we know it, in: Journal of Leadership & Organization Studies, Nr. 6, S. 1-11.

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